Uri: Schloss Zwing Uri (en français)

Nördlich von Amsteg liegen auf dem Felskopf Flüeli, den die Gotthardstrasse in einem bogen umfährt, die mächtigen restaurierten Reste der Burganlage Zwing Uri. Aus den Urkunden erfahren wir nichts über die ehemalige Burganlage. Einzig das Weisse Buch von Sarnen von 1470 meldet die Zerstörung der  Zwing Uri durch die Eidgenossen: „... du dem nach du ward stoupachers gesellschaft also mechtig das sy üt tun wolten su furren sy ze tagen jn Trenchi und wa böse Türnli waren die brachen sy und viengen zu Üre am erstenan die hüser brechen. Nu hat derselb herr Ein Turn angefangen under steg auf ein bül, den wolt er nemmen (= nennen) Twing Üren und ander hüser...“ Anhand dieser Stelle im Weissen Buch hat die Geschichtsforschung des letzten Jahrhunderts die Ruine in den direkten Zusammenhang mit der innerschweizerischen Befreiungsgeschichte gebracht. Da die Geschichte der Burg sonst im dunkeln liegt, muss um so mehr Gewicht auf archäologische Untersuchungen gelegt werden.

Seit der 1928 erfolgten Ausbesserung des schadhaften Mauerwerks der Burgruine war nichts mehr zur Sicherung der Anlage unternommen worden. Der mächtige Turmsockel, der einzige noch sichtbare Rest der mittelalterlichen Burg, war von Gestrüpp überwachsen, und das Mauerwerk selbst begann sich aufzulösen. Der Besitzer der Anlage, der Schweizerische Burgenverein, sah sich deshalb gezwungen, die völlig verwahrloste Burg zu sanieren, da die Gefahr von Steinschlag immer mehr zunahm. Der Restaurierung der Burg sollte eine gründliche Ausgrabung auch des umliegenden Geländes vorangehen. Zwar gehörte die Anlage nicht zu den Objekten von erstrangiger Bedeutung, doch der beträchtliche Aufwand rechtfertigte sich aus der historischen Betrachtung. Der lückenhaften schriftlichen Überlieferung ist nicht zu entnehmen, ob die Burganlage auf dem Flüeli mit der von den Habsburger-Vögten erbauten und von den Urnern vor der Fertigstellung zerstörten Burg identisch ist. Die archäologische Untersuchung sollte hier Klarheit schaffen.

Die Ausgrabungs- und Sicherungsarbeiten fanden im Sommer 1978 statt. Die kombinierte schnitt- und Flächengrabung konnte mehrere Besiedlungsperioden auf dem Burghügel nachweisen. Bis 1978 waren im Raum Gotthard- Vierwaldstättersee keine Funde aus prähistorischer Zeit getätigt worden. Um so sensationeller war der archäologische Nachweis, dass der Burghügel von Zwing Uri bereits in prähistorischer Zeit besiedelt war. Keramikfunde aus der mittleren Bronzezeit (ca. 1500 v.Chr.) und der älteren Eisenzeit (ca. 900-600 v.Chr.) belegen eine Besiedlung. An Gebäuden konnten die Spuren eines kleinen Pfostenhauses mit zentraler Feuerstelle aus der mittleren Bronzezeit sichergestellt werden. Aus dem Mittelalter stammt der auf dem höchsten Felsbuckel des Flüeli errichte massive Burgturm, der nur noch als Mauerstumpf von unterschiedlicher Höhe erhalten ist. Dieser Turm war gemäss der schriftlichen brauchtümlichen Überlieferung Bestandteil einer grösseren habsburgischen Anlage, die vor ihrer endgültigen Vollendung von den Urnern zerstört worden war. Die Ausgrabungen führten aber zu anderen Ergebnissen: der Felskopf auf dem Flüeli war schon um 1150 besiedelt worden. Aus jener Zeit stammen nämlich die Überreste eines bäuerlichen Gehöfts, das aus drei kleinen, einräumigen Häusern aus Trockenmauern bestand. Ein Haus enthielt eine aus Steinplatten gefügte, bodenebene Mehrzweckfeuerstelle. Weitere Mauerreste konnten als Pferchmauern interpretiert werden. Der Befund erinnert an mittelalterliche Alpsiedlungen, wie sie zum Beispiel auf Bergeten ob Braunwald bereits archäologisch untersucht worden sind, wobei die Anlage auf dem Flüeli im Gegensatz zu Bergeten durch die Begleitfunde als Dauersiedlung angesprochen werden kann. Im frühen 13. Jahrhundert wurde das zentrale Haus der bäuerlichen Hofanlage durch einen mächtigen quadratischen Turm von über neun Metern Seitenlänge ersetzt. Die Mauerstärke beträgt etwa zwei Meter. Das Mauerwerk besteht aus lagerhaft geschichteten, mehrheitlich unregelmässigen Blöcken mit sorgfältiger Auszwickung. Die gewaltigen Ecksteine weisen stellenweise Spuren eines Kantenschlages auf. Der Eingang in den Turm lag in einem der oberen Geschosse. Auch die Wohnräume waren in den Obergeschossen untergebracht. Ob die obersten Partien des Turms in Holz oder Riegelwerk ausgeführt waren, ist nicht zu beantworten. Auch die frage nach der ursprünglichen Dachform ist noch offen. Am ehesten kommt ein Satteldach in Frage. Die im Turmbereich gesammelten Funde belegen, dass der Turm bis ins 14. Jahrhundert hinein bewohnt war und mit seiner dürftige Innenausstattung (Kachelofen, Truhen usw.) durchaus anderen Kleinadelburgen aus dieser Zeit entsprach. Die jüngsten datierbaren Kleinfunde gehören frühestens in die Zeit zwischen 1310 und 1320. nach Werner Meyer, dem Leiter der ausgedehnten Untersuchungen und Verfasser des Grabungsberichts, muss die Burganlage in dieser Zeit aufgegeben worden sein, und zwar im Zusammenhang mit einem Erweiterungsbau. Die Ausgräber entdeckten nämlich östlich des Turms die Reste einer Umfassungsmauer. Die archäologischen Befunde zeigen mit aller Deutlichkeit, dass die Bautätigkeit kurz nach ihrem Beginn bereits wieder eingestellt worden war. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Forscher im Norden des Turms. Dort stiessen sie auf die Spuren eines breit und tief angelegten Abschnittsgrabens, der nur angefangen war und dessen Aushebungsarbeiten schon bald eingestellt worden waren. Nach Werner Meyer kann eine solch vorzeitige Einstellung eines beträchtliche Bauvorhabens, das die Turmburg in eine starke Feste verwandelt hätte, nur auf einen energischen äusseren Druck hin erfolgt sein.

Die zahlreichen Kleinfunde belegen also eine dauernde Besiedlung des Platzes von der Mitte des 12. bis zur ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das Fundinventar unterscheidet sich nicht von anderen Burggrabungen der Innerschweiz. Die vielen Tierknochen sind als Speiseabfälle zu deuten und stammen meist von Haustieren. Ofenkacheln belegen die Ofenheizung im Turm für das 13. Jahrhundert. Der ausgedehnte Siedlungsplatz des unbefestigten Gehöfts kann als Rodungshof des hochmittelalterlichen Landesausbaus angesprochen werden, der einer Familie aus der bäuerlichen Oberschicht als Behausung gedient hatte. Die Errichtung des wehrhaften Turms im frühen 13. Jahrhundert könnte als Zeichen des sozialen Aufstiegs der Besitzer gewertet werden. Um 1200 hatte die bäuerliche Oberschicht im ganzen Gebiet der heutigen Schweiz kleine steinerne Burgen gebaut, die als repräsentative, standesgemässe Wohnsitze einen ritterlichen Lebensstil ermöglichen sollten. Die Anlage von Zwing Uri gehört typologisch zu der weitverbreiteten Gruppe der viereckigen Wohntürme des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts, wie wir sich auch von den Burgen Schwanau SZ, Silenen und Zug her kennen. Die Burg- und Wohntürme von Attinghausen, Bürglen, Hospental und Schwyz weichen hingegen stark von diesem Typ ab. Wenn für die Turmburg von Zwing Uri ein Besitzer aus dem Lokaladel angenommen werden kann, müssen die geplanten Erweiterungsarbeiten am Anfang des 14. Jahrhunderts einem angesehenen Geschlecht mit landesherrlichen Ambitionen zugeschrieben werden. Ein Besitzerwechsel müsste somit um 1300 stattgefunden haben. Für die Besiedlungszeit von 1150 bis etwa 1300 sind die Besitzer in der bäuerlichen Oberschicht von Uri zu suchen. Die Möglichkeit, dass die Feste den Herren von Silenen gehört haben könnte, ist nicht völlig auszuschliessen. Wer aber hat den Erweiterungsbau geplant und zumindest begonnen? Waren es die Habsburger, die mit einer solchen Anlage ihre landesherrlichen Machtansprüche dokumentieren wollten?

Der Burgname Zwing Uri selbst taucht erstmals im Weissen Buch von Sarnen auf. Da er ein bestimmtes politische Ziel bezeichnet, hätte er erst mit dem projektierten Erweiterungsbau einen Sinn erhalten. Leider helfen uns die Urkunden in der Frage, ob die Burg vor der Abfassung der Chronik des Weissen Buches einen anderen Namen führte, nicht weiter. Die archäologischen Ergebnisse auf Zwing Uri haben neue Momente in die Erforschung der innerschweizerischen Befreiungskriege gebracht. Die im Ausbau befindliche Anlage kann nicht vor 1310-1320 zerstört worden sein. Dieses Datum gilt es nun mit den gängigen Traditionen von Burgenbruch und Bundesgründung in historischen Einklang zu bringen. Der Aussagewert aller im Weissen Buch als von den Landleuten zerstörten habsburgischen Festen müsste, wenn nötig auch mit archäologischen Untersuchungen, neu überprüft werden.

Nach Abschluss der Ausgrabungen auf Zwing Uri ist das Mauerwerk der Burg restauriert und gesichert worden. Auf eine sichtbare Erhaltung der prähistorischen Mauerreste musste aus verschiedenen Überlegungen verzichtet werden. Dafür ist im Ostteil des Turms ein kleines Stück der geplanten Ringmauer rekonstruiert worden.

Die Anlage war nach der Zerstörung von 1310-1320 ganz dem Zerfall preisgegeben. Um 1868 wurde gar ein Wirtshaus auf dem Flüeli erbaut. Mauersteine der benachbarten Ruine wurden dabei mitverwendet. Der österreichische Maler Josef Hoffmann erwarb 1888 die Anlage von Jakob Indergand und benutzte das Wirtshaus als Wohnung. Nach seinem Wegzug beabsichtige er, die Anlage dem letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II, zu vermachen. Dieser nahm die Schenkung nicht an, worauf der Maler den Besitz der Allgemeinen Deutschen Künstlergenossenschaft als Ferienheim überschrieb. Anton Dufour, Präsident des Schweizerischen Automobil Clubs, erwarb 1928 für 6000 Franken die Ruine und schenkte sie dem eben gegründeten Schweizerischen Burgenverein. Bei der im gleichen Jahr erfolgten Instandstellung des Mauerwerks wurden das Wohnhaus und der dazugehörige Stall abgebrochen. Heute präsentiert sich die Feste als mustergültig restaurierte Anlage, die der Geschichtsforschung jetzt mehr Rätsel aufgibt als vor der Durchführung der archäologischen Untersuchungen.

zwingzwing

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©Les châteaux suisses. Die Schweizer Schlösser. The Swiss Castles